Lehrer in der Coronakrise

"Ich kenne meine Schüler jetzt im Schlafanzug"

Lehrerinnen und Lehrer entwickeln ausgefallene Ideen, um mit ihren Schülern Kontakt zu halten, bis hin zu einer Late-Night-Show. Vier von ihnen erzählen, was gut läuft und was auf der Strecke bleibt. Ein Auszug:

Silke Fokken, 06.04.2020


Lernen zu Hause: "Der Inhalt von Fächern ist nur ein Teil von Schule" Foto: Vladimir Simicek / AFP.

"Die wenigsten können sich sechs Stunden allein zu Hause konzentrieren"

Lehrerin an einem Gymnasium in Niedersachsen*:
"An unserer Schule gibt es schon seit längerer Zeit eine digitale Lernplattform, von der wir jetzt sehr profitieren: iServ. Da haben alle Schülerinnen und Schüler einen Mailzugang, es gibt Klassenverteiler und Bereiche, wo ich Aufgaben hochladen kann, die von Schülern bearbeitet und mir dann wieder zugeschickt werden können. Wir alle sind im Umgang damit vertraut, und das macht das digitale Lernen vergleichsweise leicht.

Über diese Plattform habe ich bis zu den Osterferien, die gerade in Niedersachsen angefangen haben, mit meinen Schülerinnen und Schülern kommuniziert und sie mit Aufgaben versorgt. Die Sechstklässler sollten etwa ihr Lese-Tagebuch zu Ende bearbeiten.

Mir ist aber wichtig, dass ich die Schüler nicht mit Aufgaben überfrachte. Ich kann nicht erwarten, dass sie eins zu eins das, was wir sonst in der Schule gemacht hätten, nun eben zu Hause abarbeiten.

Es fehlt die Pause, um den Kopf freizubekommen

Die wenigsten Schülerinnen und Schüler sind in der Lage, sich sechs Stunden lang allein auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. Das wird in der Schule auch nicht von ihnen erwartet. Da gibt es die Interaktion in der Klasse, das Gespräch im Unterricht, den Austausch mit dem Sitznachbarn und nicht zuletzt die Pause, um den Kopf wieder frei zubekommen. Das alles fehlt zu Hause.

Mit selbst wiederum fehlt Feedback von den Schülerinnen und Schülern. Wenn ich sonst in die Klasse komme, merke ich gleich, wie die Stimmung ist und was die Kinder gerade beschäftigt. Ich erfahre auch, ob die Aufgaben, die ich stelle, zu schwierig oder zu umfangreich sind. Das alles bekomme ich jetzt nicht richtig mit. Der Inhalt von Fächern ist wirklich nur ein Teil von Schule - das hat sich wohl noch nie deutlicher gezeigt als jetzt.

Ich glaube, dass derzeit alle sehr bemüht sind, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber es ist nicht immer klar, was wirklich richtig ist. Das Kultusministerium in Niedersachsen hat uns Lehrkräfte zum Beispiel aufgefordert, bis zum 15. April Noten für unsere Schülerinnen und Schüler festzulegen. Der Hintergrund ist, dass bis Ende April mitgeteilt werden muss, ob ein Schüler versetzungsgefährdet ist.

Für einige Schüler ist das eine Katastrophe

Da ist es verständlich, dass wir Noten geben sollen, aber für einige Schüler ist das eine Katastrophe, weil wegen der Coronakrise viel regulärer Unterricht ausgefallen ist und sie manche Klausur gar nicht geschrieben haben. So konnten sie sich nicht mehr verbessern. Einige sind versetzungsgefährdet. Das würde ich natürlich gerne persönlich mit ihnen besprechen. Nun kann ich sie nur anrufen.

Ich müsste eigentlich auch wissen, wann die Schule wieder aufmacht und welche Klassenarbeiten noch geschrieben werden sollen. Ich müsste das Schuljahr durchplanen, aber das geht überhaupt nicht."