Unter den Wolken

Bildung – Eine nationale Schul-Cloud soll digitales Lernen fördern. Der Bund zahlt Millionen für ein Projekt – Privatanbieter sind längst weiter.

Christian Füller


Schüler mit Digitalgeräten: Wann immer sie wollen, wo immer sie sind. Foto: Kay Herschelmann / Hasso-Plattner-Institut / OBS

Irgendwann soll die digitale Wolke über allen deutschen Schulen schweben, aber an diesem Vormittag muss der Chefentwickler erst einmal um Entschuldigung bitten. »Danke für Ihre Leidensfähigkeit«, sagt Jan Renz in einem Hörsaal der Universität Potsdam. Das System sei »gut bedienbar, aber so richtig Spaß macht es noch nicht«. Es ist in den Tagen zuvor erneut ausgefallen – und das ganze Projekt kommt ohnehin nicht so recht voran.

Die nationale Schul-Cloud sollte die deutschen Schulen moderner machen: Lehrer und Schüler könnten, wann immer sie wollen, wo immer sie sind, auf digitale Inhalte zugreifen, das ist die Idee. Arbeitsblätter, Lehrbücher, Hausaufgaben, auch Daten für die Schulverwaltung – all das könnte in der Wolke gespeichert werden.

Die Schul-Cloud war das Projekt zur Digitalisierung der Schulen, das nicht unter föderalem Gezänk leiden sollte. So der Plan der damaligen Bundesbildungs-
ministerin Johanna Wanka (CDU). »Ich wollte die Sache vorantreiben«, erinnert sie sich. Der Bund beauftragte das private Hasso-Plattner-Institut (HPI), angedockt an die Universität Potsdam, und förderte die Cloud mit sieben Millionen Euro.

Ein schönes Vorhaben, nur leider will bisher kaum jemand die Wolke nutzen. Lediglich Niedersachsen hat sich bislang dafür entschieden; Brandenburg hat immerhin Interesse bekundet. Bayern, Bremen und Hamburg hingegen arbeiten mit privaten Anbietern zusammen. Baden-Württemberg entwickelt eine eigene Cloud, eine Sprecherin der baden-württembergischen Kultusministerin Susanne Eisenmann sagt zu der Potsdamer Lösung: »Unsere Zielsetzung geht darüber hinaus.«

Die nationale Cloud können derzeit nur Kinder an 150 Schulen nutzen. Bis 2021, wenn die Millionenförderung endet, könnten es 300 werden. Das wäre immer noch weniger als ein Prozent der Schulen in Deutschland. Inzwischen bekommen selbst die wenigen Tester Zweifel. »Die HPI-Cloud ist bestenfalls in der Betaphase«, sagt Oliver Baeck vom Gymnasium am Kattenberge in Buchholz in der Nordheide. »Vieles, was man machen will, klappt einfach nicht.«

Private Anbieter hatten sich noch vor dem Start über die staatliche Projektförderung beschwert. Es könne nicht angehen, dass das Plattner-Institut mit Bundesgeld etwas entwickle, wofür es keine Kompetenz besitze, schrieb das »Bündnis für Bildung« 2016 an Wanka. In der Lobbygruppe sind IT-Unternehmen und Verbände der öffentlichen Hand wie der Deutsche Städte- und Gemeindebund versammelt. Das Bundesbildungsministerium jedoch ließ sich nicht bremsen und entschied zugunsten des Hasso-Plattner-Instituts. Dieses erhielt zunächst 100 000 Euro, um für einen IT-Gipfel in Saarbrücken eine Broschüre und einen Auftritt vorzubereiten; danach folgten die Millionenbeträge für die Cloud-Entwicklung.

Das Haushaltsrecht erlaubt einen solchen Zuschuss, wenn die nationale Schul-Cloud ein Interesse bedient, »das ohne die Zuwendungen nicht oder nicht im notwendigen Umfang befriedigt werden kann«.

Private Anbieter haben die Cloud-Technik für Schulen allerdings längst vorangetrieben. Die Marktführer iServ, AixCon- cept und LogoDidact speichern inzwischen die Daten von jeweils mehr als 2000 Schulen. Seine Firma könne »die Einrichtung und Schulung der Lehrkräfte und Administratoren in ein bis drei Tagen durchführen«, so iServ-Geschäftsführer Benjamin Heindl. Die Kollegen von Itslearning, einem skandinavischen Anbieter, versprechen jedem Kunden, dass er »innerhalb von 24 Stunden auf ein individualisiertes Lernmanagementsystem für seine Schule in der Cloud zugreifen« könne.

Fragt man die Transformationsforscherin Annekatrin Bock vom Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung, worin der Vorteil der Potsdamer Entwicklung liegt, sagt sie, dass inzwischen munter über Schul-Clouds diskutiert werde. Die sieben Millionen Euro förderten so gesehen nicht die Cloud, sondern den Diskurs darüber.

Die Opposition im Parlament ist verärgert. »Der Staat muss nichts erfinden, was Private besser können«, sagt Katja Suding, stellvertretende Vorsitzende der FDP, »die staatliche Förderung einzelner Anbieter von Schul-Clouds in Bund und Ländern ist mittlerweile gescheitert.« Die grüne Haushaltspolitikerin Ekin Deligöz sagt: »Das Bundesbildungsministerium wird sich kritischen Fragen stellen müssen.«

Im neuen Digitalpakt Bildung, der 5,5 Milliarden Euro schwer ist, schlagen Bund und Länder nun einen neuen Weg ein: Die Länder können bis zu 250 Millionen Euro abrufen, um eigene Lösungen voranzutreiben.

Was eine funktionierende Schul-Cloud leisten kann, lässt sich in Potsdam unweit des Hasso-Plattner-Instituts beobachten. In der Voltaire-Schule behandelt die 13. Klasse Goethes »Faust«, die Gruppenarbeit läuft per Cloud: Die Schüler stellen bestimmte Textstellen für die anderen bereit. »Das ist unglaublich praktisch, es gibt keinen Zettelsalat mehr«, sagt ein Schüler. Zu Besuch sind an diesem Morgen die Bildungsministerinnen des Landes Brandenburg und des Bundes, Britta Ernst (SPD) und Anja Karliczek (CDU). Beide zeigen sich beeindruckt.

Die Schule nutzt allerdings nicht etwa die Cloud jenes Instituts, das einige Hundert Meter Luftlinie entfernt ist. An der Voltaire-Schule ist ein handelsübliches Cloud-System im Einsatz.

DER SPIEGEL, Nr.22, 25.05.2019