Hier schlägt das digitale Herz der Schulen

Über „IServ“ wird der Schulalltag organisiert. Erfunden haben das Programm vor 15 Jahren zwei Schüler der HvF.


Geschäftsführer Jörg Ludwig hat das Portal „IServ“ vor 15 Jahren gegründet. Damals war er noch Schüler an der HvF. Inzwischen nutzen mehr als 1500 Schulen in ganz Deutschland den Portal-Server. Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Von Katja Dartsch

Braunschweig. „IServ“ kennen fast alle Schüler, Lehrer und Eltern von schulpflichtigen Kindern in Braunschweig: Es ist sozusagen das digitale Herz der Schulen. Ein Schulserver, über den der Schulalltag organisiert wird, über den Lehrer und Schüler aber auch via Chats, Mails und Foren kommunizieren können.

Bundesweit arbeiten inzwischen mehr als 1500 Schulen mit „IServ“. Es ist ein Braunschweiger Produkt, eine Braunschweiger Idee: Vor 15 Jahren hatten Jörg Ludwig und Felix Klose, zwei Schüler der Hoffmann-von-Fallersleben-Schule, IServ entwickelt. Bei „Jugend forscht“ ergatterten die beiden damals den dritten Platz auf Bundesebene.

2001 war das. Mehrere Jahre hatten die beiden Jungs da bereits an der Idee herumgetüftelt. Wir erinnern uns: Damals hatten viele Menschen weder ein Handy noch einen Internetanschluss, die analogen Modems knatterten laut beim Einwählen, und von Datenclouds und Dropboxen wagte damals niemand auch nur zu träumen. „DSL-Zugänge waren ganz neu, und die Standleitungen ins Internet eröffneten völlig neue Möglichkeiten“, erzählt Jörg Ludwig.

In diesen Pionierzeiten des Internets gab es an der Hoffmann-von-Fallersleben-Schule eine Netzwerk-AG. Lehrer Dietrich Steger hat sie betreut. „Wir haben ständig zusammengesessen und programmiert“, erinnert sich Jörg Ludwig. In der AG sei die Idee für ein schuleigenes Intranet entstanden. „Felix und ich haben die Idee in diese Tat umgesetzt und IServ für unsere Schule programmiert“, so Jörg Ludwig. Mit Felix Klose ist er noch immer befreundet, auch wenn dieser nach dem Abi andere berufliche Pläne verfolgte – inzwischen ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU und forscht zu Video-Algorithmen. Auch spannend.

ISERV

Mit einem Passwort können sich Schüler und Lehrer über die Internetseite ihrer Schule bei IServ einloggen.

Die Inhalte geben die Schulen selbst ein: Stundenpläne, Klassenlisten, Klausurtermine, Sitzungsprotokolle, Belegungspläne, Arbeitsblätter, Hausaufgaben und mehr. Zudem gibt es Foren, Chats und für alle Schüler und Lehrer eine schuleigene Mailadresse.

Jörg Ludwig blieb IServ treu. „Es hat mir einfach Spaß gemacht. Dass daraus mal eine Firma werden könnte, darüber habe ich gar nicht nachgedacht.“ Seine komplette Freizeit habe er neben dem Abi und dem Informatik-Studium in das IT-Projekt investiert. „Für andere Hobbys war keine Zeit, für Urlaube sowieso nicht“, sagt er.

Das neue System der HvF hatte sich schnell rumgesprochen, andere Schulen der Stadt wollten es auch haben – und so wurde aus dem Hobby zweier Schüler ein Start-up-Unternehmen.

Mittlerweile beschäftigt Jörg Ludwig ein Team aus 20 Mitarbeitern. Ein bisschen erinnert der Sitz der Firma am Bültenweg an eine studentische Wohngemeinschaft: Im Eingangsbereich steht ein riesiger Tisch, an dem die Mitarbeiter jeden Morgen gemeinsam frühstücken, während die Bürohunde Shin und Twister durch die Stuhlbeine stromern, auf der Suche nach Krümeln.

Den beiden Geschäftsführern Jörg Ludwig und Benjamin Heindl (31) ist ein gutes Arbeitsklima wichtig. Zum einen, weil so die eigene Arbeit mehr Spaß macht. Zum anderen müssen sie schon etwas bieten: Software-Entwickler sind begehrt, und wer sich nicht wohlfühlt, bekommt schnell anderswo einen Job.

Vier ungefähr gleichgroße Anbieter teilen sich derzeit den bundesweiten Markt für Schulserver. Die Perspektive ist gut: „Erst rund 15 Prozent der Schulen sind versorgt“, weiß Jörg Ludwig. Die Riesen der Branche wie Microsoft und die Telekom hätten natürlich auch schon versucht, in dem Segment Fuß zu fassen, erzählt der Existenzgründer. Aber sie hätten sich wieder zurückgezogen. Der Markt sei ihnen wohl zu kleinteilig, die Prozesse zu langwierig: Denn jede Schulen entscheidet für sich, ob sie ein Intranet will oder nicht. Bis es zum Vertragsabschluss kommt, vergehen oft mehrere Jahre.

Sein halbes Leben hat Jörg Ludwig nun schon mit IServ verbracht. Im Herbst feiert das IT-Unternehmen 15-jähriges Bestehen. Und der 33-Jährige kann sich nichts Schöneres vorstellen: „Das ist mein absoluter Traumjob.“

Braunschweiger Zeitung, 27.05.2016, Seite 20