nB-Serie: Erfolgsideen

nB-Serie

Wer sich selbstständig macht, braucht zwei Dinge: eine zündende Idee und Mut. In der nB-Serie "Erfolgsideen" stellen sich Unternehmer, die sich noch gut an ihre Anfänge erinnern können und aus den verschiedensten Branchen stammen, elf Fragen. Wie hat das eigene Business, die Chefrolle ihr berufliches und privates Leben verändert?

Apple-Chef als großes Vorbild

Jörg Ludwig entwickelte einen Schulserver

Von Birgit Leute

Braunschweig. Wenn er jemanden bewundert, dann ist es Steve Jobs. "Genial, wie der mit einer simplen Idee ein Imperium aufbaute", sagt Jörg Ludwig über den Apple-Chef. Mit IServ ist der 28-Jährige Jungunternehmer aber auch auf einem guten Weg.

Facebook, Twitter, Xing - als Ludwig vor zehn Jahren an einem System tüftelte, das Schüler, Lehrer und Eltern per Computer miteinander verbindet, waren diese Begriffe noch böhmische Dörfer. Bis dahin kämpften Netzwerke in Firmen und Schulen mit einer Menge Kinderkrankheiten: Immer wieder stürzten die Systeme ab, viele Anwendungen waren völlig unnötig und verwirrten die Nutzer nur.

Ludwig, damals Abiturient an der Hoffmann-von-Fallersleben-Schule, stelle schließlich 2001 beim Bundeswettbewerb "Jugend forscht" den IServ vor - einen Server für lokale Netzwerke - und landete zusammen mit Mitschüler Felix Klose auf dem dritten Platz in der Kategorie "Mathematik/Informatik".

"Mit unserer Erfindung kamen wir zunächst den Wünschen der Schüler entgegen: Hier konnten sie Kontakt finden, chatten", sagt Ludwig. Inzwischen steht an praktisch allen Braunschweiger Schulen - von der Grund- bis zur Berufsbildenden Schule - ein Server von IServ. Über ihn läuft heute die gesamte Kommunikation: Von der Hausaufgabenstellung über Vertretungspläne bis hin zur Terminierung von Klassenarbeiten. "Wir helfen dabei, die Schule 'papierfrei' zu machen", nennt der Jungunternehmer ein Ziel. Der größte Vorteil angesichts von "Cyber-Kriminalität" und "Internet-Mobbing" ist allerdings die Sicherheit: Das Netzwerk ist nicht öffentlich. Wer kein Passwort hat, kommt auch nicht rein. Die Schüler surfen in einem geschützten Raum.

 

Die IServ-Welt wächst: Praktisch jede Schule in Braunschweig und Osnabrück besitzt einen Portalserver der Firma von Jörg Ludwig (r., mit Vertriebsleiter Benjamin Heindl). Hinzu kommen Stadtverwaltungen, Medienzentren, ein Landeswohlfahrtsverband.

"Wir waren vollkommen naiv"

Mit jedem Tag lernte der 28-Jährige mehr, was es heißt, ein Unternehmen zu führen

"Auf einmal Chef" - das trifft für Jörg Ludwig ganz besonders zu. Der 28-Jährige rutschte praktisch von der Schule in der Unternehmerrolle hinein. Eine nicht geplante, aber umso spannendere Erfahrung, so sein Fazit.

1. Ein eigenes Unternehmen: Ein alter Traum oder Notnagel in schlechten Zeiten?

"Ehrlich gesagt: An eine eigene Firma habe ich überhaupt nicht gedacht, als ich damals als Schüler sagte: Ich will Informatik studieren. Weder meine Eltern noch meine Verwandten sind Unternehmer. Ich hatte also kein Vorbild."

2. Das mache ich jetzt mal selbst: Wie kamen Sie zu Ihrer Geschäftsidee?

"Im Prinzip durch die Wünsche der Kunden, also der Schulen. Auf deren Schreibtisch flattern täglich mindestens fünf Angebote von Internetfirmen, die die neuste Software, die x-te Internet-Plattform verkaufen wollen. Doch kaum jemand hat die Zeit oder das Know-how, sich damit auseinanderzusetzen. Die Schulen wollen nur eins: Ein möglichst übersichtliches, leicht zu bedienendes Netzwerk, das auch schnell für sie gewartet wird - das bekommen sie von uns."

3. Aus eigener Tasche oder auf Kredit: Wie haben Sie die Gründung finanziert?

"Da wir nur ganz allmählich gewachsen sind, die Erfindung IServ anfangs als Schulprojekt lief, mussten wir nie einen Kredit oder eine Förderung in Anspruch nehmen. Als wir 2009 die GmbH gründeten, hatten wir genug Kunden, um die Kosten zu decken. Eines war allerdings auch klar: Um Mieten und inzwischen auch Gehälter bezahlen zu können, musste ein sinnvolles Preismodell her. Das hat manchen Schulleiter anfangs irritiert, aber wir konnten uns durchsetzen."

4. Mit Netz und doppeltem Boden: Wer hat Sie in der Anfangsphase besonders unterstützt?

"Die Lehrer und die Nachbarfirmen im Technologiepark. Es gibt einfach Dinge, die man mit Mitte 20 nicht wissen kann - zum Beispiel, welcher Steuerberater gut und dazu noch günstig ist... In solchen Fällen gehen wir eine Tür weiter und fragen. Das Verhältnis unter den Firmen im Technologiepark ist sehr gut."

5. Verflixt: In welche Fallen sind Sie getappt?

"Unser erstes Preismodell war völlig naiv. Mit dieser Berechnung hätten wir uns nie über Wasser halten können. Gott sei Dank haben wir rechtzeitig die Kurve gekriegt und verkaufen nicht mehr einfach nur einen Server, sondern ein Paket inklusive Software und Support. Dafür zahlen die Schulen pro Schüler und Jahr eine Abogebühr. Für sie ist das finanzierbar, wir haben eine langfristige Bindung."

6. Kopf hoch: Wie motivieren Sie sich täglich neu?

"Da muss ich mich gar nicht groß motivieren: Ich bin einfach begeistert von dem, was ich mache. Der IT-Bereich ist unglaublich spannend, rasant in seiner Entwicklung und voller Chancen, für den, der sich einen Namen machen möchte. Bestes Beispiel ist Steve Jobs."

7. Selbst und ständig: Was ist aus Ihrem Familienleben geworden?

"So dramatisch ist es nicht (lacht). Natürlich gibt es Wochen, in denen ich bis zu 60 Stunden arbeite, durchwachte Nächte, in denen dringend ein Problem gelöst werden muss. Aber es bleibt trotzdem noch Zeit für das Fitnesscenter - und für eine Freundin. Wir haben den Vorteil, mit Schulen zusammenzuarbeiten: Nach 15 Uhr oder in den Schulferien klingelt selten das Telefon, so dass wir dann in Ruhe Wartungsarbeiten oder Updates durchführen können."

Sieben Mitarbeiter tüfteln inzwischen an neuen Modulen, führen Backups durch, warten die Schulserver. Das alles kann bequem vom Firmensitz am Rebenring passieren.

"Entspannung muss sein", sagt Jörg Ludwig. Manchmal lassen sich knifflige Probleme nach einer Runde Snooker besser lösen.

8. Bissiger Chef oder Team-Player: Wie führen Sie Ihre Mitarbeiter?

"Bei einem Team von nur sieben Mitarbeitern machen strenge Hierarchien wenig Sinn. Wir lösen Probleme meist gemeinsam. Auf der anderen Seite muss ich als Chef natürlich auch sagen, wo es langgeht. Sich da durchzusetzen, ist nicht immer ganz einfach - vor allem, wenn man sich von der Uni kennt. Aber ich merke, dass ich in die Rolle hineinwachse."

9. Lokal oder global: Wo sehen Sie Ihre Zukunft?

"Es gibt 40 000 Schulen in Deutschland, das sind rein rechnerisch 40 000 neue Serverinstallationen in den nächsten Jahren. In Braunschweig und Osnabrück sind wir schon sehr gut aufgestellt. Insgesamt haben wir 600 Server in Betrieb. Der Haken bei der Sache ist: Bildung ist Ländersache. Wer über die Grenzen Niedersachsens hinauskommen möchte, muss zunächst einmal kämpfen und gut über die Finanzierung des Kultusbereichs Bescheid wissen. Im Prinzip könnte das System weltweit laufen: Es funktioniert auch auf Englisch."

10. Zurück auf Anfang: Würden Sie alles noch einmal genauso machen?

"Bestimmt. Aber durch die Erfahrungen, die wir inzwischen gesammelt haben, ginge alles in der Hälfte der Zeit. Ein eigenes Unternehmen zu haben, ist eine tolle Erfahrung. Auf einmal gibt es nicht mehr ein 'Die da oben und wir da unten'".

11. Lass es dir gesagt sein: Welchen Rat geben Sie anderen Gründern?

"Man sollte von seinem Produkt absolut überzeugt sein. Wer nur aufs Geld sieht, hat langfristig keine Chance, Kunden zu halten. Und: Wer sein Geschäft nebenbei, das heißt neben Schule oder Studium aufbauen kann, hat auf jeden Fall weniger Druck."

Fakten

  • Die IServ GmbH wurde 2009 gegründet, das Projekt gibt es seit 2001
  • Firmensitz: Rebenring 33
  • sieben Mitarbeiter
  • Portalserver für Schulen und Firmen

 

Neue Braunschweiger Zeitung (nB), So. 22.05.2011, von Birgit Leute, Fotos: Susanne Hübner

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